Spiritus sanctus

Spiritus-Lokomotive der Firma Schoenner um 1900

Foto: KS

„Und der Spiritus kann das Schwungrad antreiben?“ Julius ist ungeduldig, während Mutter und Vater erst mal gemeinsam „Vom Himmel hoch da komm ich her“ singen möchten, kann Julius es kaum erwarten bis Vater hilft sein Weihnachtsgeschenk, die Kraftlok, mit richtigem Spiritus auszuprobieren. Lebkuchen, Äpfel und Nüsse duften so verlockend, dass der Bauch vor Freude hüpft, während alle drei um den Gabentisch sitzen. „Dieses Jahr ist ein gutes Jahr“, sagt Vater, „ihr seht es an den wertvollen Geschenken“.
Der Schienenkreis unter der frisch nach Wald riechenden Tanne, mit ihren Strohsternen, den Äpfeln aus Pappmache und dem Engelshaar, ist bereits ausgelegt, um die spiritusbetriebene Kraftlok aufzunehmen. „Papa, wie kann der Spiritus das Schwungrad antreiben?“ fragt Julius.
Die brennenden Wachskerzen verbreiten einen süßen Honigduft. Der Lichtschein spiegelt sich in freudig erwartungsvollen Gesichtern von Vater und Sohn, und der Vater hilft endlich die Kraftlok mit Spiritus in Gang zu setzen. „Wasser brauchen wir auch“, meint Vater, „ein Schnapsglas voll Spiritus, zwei vom Wasser. Den Spiritus in den Brenner, das Wasser in den Kessel“. Julius beobachtet alles genau. „Und der Spiritus dreht das Schwungrad?“, fragt er ungläubig. „Wart es ab Julius, ich zünde zuerst den Docht an, dann warten wir fünf Minuten und du wirst schon sehen, wie dann der Spiritus das Schwungrad und die Lok antreibt.“
Der Spiritusbrenner arbeitet mit leisem Knistern und Zischen. Von Minute zu Minute wurde das Zischen stärker. Ein leichtes Bollern ist zu hören, Dampf strömt aus dem Führerhaus. Das Bollern wird stärker, die Kraftlok fängt erst an zu ruckeln und nach einer weiteren Minute gibt es einen kräftigen Ruck und sie setzt sich in Bewegung. Erst langsam, dann schneller, dann noch schneller. „Sie fährt, sie fährt, schau mal!“, Julius kann seine Begeisterung nicht mehr zurückhalten.
Es riecht auf einmal wie in der Waschküche eines Krankenhauses, Spiritus tropfte aus dem Brenner auf das Parkett und verdunstet, der Abdampf aus dem Zylinder lässt die Luft feucht werden. Julius sieht es zuerst. Zwischen den Schienen züngeln bläuliche Flammen im ganzen Schienenkreis. „Ist das der Spiritus, Papa?“ “Heiliger Geist, Spiritus sanctus“, stöhnt der Vater. Blitzschnell zieht er die Tischdecke vom Gabentisch. Äpfel, Lebkuchen, Nüsse, Geschenke, alles purzelt und poltert zu Boden. Die Tischdecke an zwei Enden fassend, mit Schwung so dass sie sich schon in der Luft ausbreitet, deckt der Vater den Schienenkreis zu. Während die Flammen verlöschen, liegt die Kraftlok in den letzten Zuckungen. Von der Decke geschützt greift der Vater nach ihr und hält sie fest, bis sie sich beruhigt hat.
Eine Stunde später sitzt die Familie wieder um den Gabentisch. „Heut habe ich gesehen wie der Spiritus das Schwungrad bewegt“, sagt Julius. Und ich hab den heiligen Geist angefleht, sagt Mutter. „Spiritus sanctus“ murmelt der Vater immer noch bleich von dem unvergesslichen Weihnachtserlebnis.

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